Hintergrund

Ökobilanzen - können Produkte und ihre Umweltauswirkungen bewertet werden?

Wie kann erkannt werden, welche Produkte besser für die Umwelt sind oder wann ein Produkt ersetzt werden sollte? Ist es aus Umweltsicht besser, ein leichtes Kunststoffgehäuse zu haben oder ein schwereres, stabiles Metallgehäuse? Sollte der alte Kühlschrank gegen ein neueres, energieeffizientes Gerät ersetzt werden? Häufig werden solche Fragen aus rein monetären Gesichtspunkten beantwortet. Eine Methode, die versucht diese Fragen aus Umweltsicht zu beantworten, ist die Ökobilanz.

Photo by Raquel Martínez on Unsplash

Ist der Einfluss auf die Umwelt bewertbar?

Die Ökobilanz versucht, die Umweltwirkungen über den kompletten Lebensweg von der Rohstoffentnahme, Herstellung, Transport, Nutzung und bis zur Entsorgung abzubilden. Dies bezieht Faktoren wie Emissionen von Güterverkehr und Produktionsanlagen, Energieverbrauch in Herstellungs- und Nutzungsphase, aber auch andere Verbrauchsmittel wie Wasser oder notwendige Batterien mit ein. Durch diesen umfassenden Blick versucht die Ökobilanz, mögliche Verschiebungen von Problemfeldern zu identifizieren und über den Gesamtlebenszyklus zu betrachten. So kann die Lösung eines Problems an einer Stelle im Zyklus zu der Entstehung eines neuen Problems an anderer Stelle sorgen. Ein Beispiel ist, ein leichteres Produkt aus Kunststoff zu fertigen, das weniger Umweltwirkung in der Herstellung und beim Transport hat, dafür aber vielleicht eine kürzere Lebensdauer erreicht. Je nach Untersuchungsrahmen kann sich das nur auf eine Umweltwirkungskategorie wie Treibhausgaspotential beziehen oder parallel noch andere Kategorien wie Gewässerversauerung, Flächen- oder Ressourcenverbrauch betrachten.

Die Ökobilanz bietet den Vorteil, sehr detailliert die Einflussfaktoren auf die Umweltwirkung zu untersuchen und darzustellen. Ein Nachteil kann sein, dass die Ergebnisse für die Umweltwirkungskategorien nicht einheitlich sind, so dass die Ableitung einer Entscheidung schwierig sein kann.

Nicht Äpfel mit Birnen vergleichen: Ökobilanzen ermöglichen den Vergleich ähnlicher Produkttypen

Mit einer Ökobilanz kann sowohl abgebildet werden, welcher Produkttyp (z.B. Notebook oder PC, wenn die Nutzungsart beides zulässt) vorteilhaft ist, als auch worauf bei einzelnen Produkten geachtet werden muss. Smartphones sind dabei ein Beispiel für ein Produkt, dass sehr wenig Strom in der Nutzung verbraucht, aber sehr viel Aufwand (Energie und Ressourcen) während der Herstellung. Ein energieeffizienter Betrieb ist daher zwar immer wünschenswert, auf den gesamten Lebensweg des Produktes gesehen aber marginal. Als Nutzer*in eines Smartphones liegt der Hebel vor allem darin, das Produkt möglichst lange zu nutzen, um den hohen Herstellungsaufwand auf möglichst viele Jahre zu strecken [1] .

Bei größeren Elektronikgeräten hat die Nutzungsphase eine große Auswirkung auf die Ökobilanz

Eine Waschmaschine verursacht demgegenüber die größte Umweltwirkung in der Nutzungsphase, insbesondere durch den Energie- und Wasserverbrauch. Ein vorzeitiger Geräteersatz kann sich aus Ökobilanzsicht bezahlt machen, wenn von einem sehr ineffizienten auf ein sehr effizientes Produkt gewechselt wird [2] .

Ein Notebook ist ein Gerät, was sich bei solch einer Betrachtung dazwischen befindet: Die Herstellung ist relevant, aber die Nutzungsphase überwiegt. Ein Geräteersatz aus Umweltsicht wäre laut Studien [3] erst nach 30 bis 90 Jahren sinnvoll, da wenig Effizienzgewinne zu erwarten sind. 

Bei kleinen Elektronikprodukten ist die Herstellungsphase relevant

Als Maßstab lässt sich sagen: je kleiner und mobiler ein Elektronikprodukt ist, desto relevanter ist die Herstellungsphase. Die Nutzungsphase ist meist schon aus Sicht der Akkunutzungsdauer optimiert. Bei großen Geräten wie weißer Ware ist die Energieeffizienz ein großer Faktor.

Neben solchen grundsätzlichen Aussagen zu Produktgruppen, lassen sich auch einzelne Designs und Konzepte bewerten. Der hohe Herstellungsaufwand bei Smartphones wird z.B. vor allem vom Mainboard und den elektronischen Komponenten (CPU und Speicher) bestimmt. Display und Batterie haben nur einen kleineren Anteil an der Umweltwirkung. Sie sollten daher die Lebensdauer nicht begrenzen und Reparaturen dieser Komponenten rentieren sich aus Umweltsicht sehr lange, auch wenn das Gerät danach gar nicht mehr so lange weiterbetrieben werden wird [1] .

Dabei kann eine Entscheidung für oder gegen ein Produkt aus ökobilanzieller Sicht nicht nur von der Art des Produktes, sondern auch der Art der Nutzung abhängen. Um beim Beispiel Smartphone zu bleiben, kann sich für ein*e Nutzer*in ein etwas höherer Herstellungsaufwand für ein modulares Design bezahlt machen, wenn ein Akku getauscht und Schäden repariert werden, für den*die andere*n nicht, da man aus Performancegründen eh regelmäßig auf des neuere Modell umsteigt.

Sprungmarke Literatur/Quellen

Literatur/Quellen

[1] Marina Proske, David Sánchez, Christian Clemm, Sarah-Jane Baur: Life Cycle Assessment of the Fairphone 3, Berlin, 2020

[2] Tecchio, P.;  Ardente, F.;Mathieux, F.: Analysis of durability, reusability and reparability—Application to washing machines and dishwashers, EUR 28042 EN, doi:10.2788/630157, 2016

[3] Siddharth Prakash, Ran Liu , Karsten Schischke, Lutz Stobbe: Zeitlich optimierter Ersatz eines Notebooks unter ökologischen Gesichtspunkten, Umweltbundesamt, 2012

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