Hintergrund

Modularität

Modularität bietet Nutzer*innen die Möglichkeit, Geräte den eigenen Wünschen und Bedürfnissen nach anzupassen. Dies kann je nach Ausgestaltung der Modularität eine Konfiguration und Individualisierung beim Kauf des Produktes, eine Erweiterung oder Veränderung des Produktes während der Nutzungsphase oder auch eine leichtere Reparatur im Schadensfall bedeuten. Während Modularität bei einzelnen Produktarten weit verbreitet und simpel ist (Beispiel Möbel, die von Nutzer*innen selbst konfiguriert und aufgebaut werden), gibt es dies für andere Geräte kaum und ist mit großem Entwicklungsaufbau verbunden (Beispiel Smartphone).

Photo by Simon Goetz on Unsplash

Längere Produktnutzung durch Modularität

Aus Lebensdauerperspektive bietet eine modulare Bauweise gleich mehrere Vorteile: Neben dem offensichtlichen In-Gebrauch-halten von Produkten durch Reparatur, ist auch davon auszugehen, dass Produkte, die gut auf die Bedürfnisse der Nutzer*innen angepasst sind, länger genutzt werden. Eine Möglichkeit der Funktionalitätsanpassung in der Nutzung reduziert die Anlässe für Obsoleszenz , wenn sich das bestehende Produkt mit den Bedürfnissen, Moden und Nutzungskontexten wandelt. Für Elektronik und IKT-Systeme kann sich dabei die Individualisierung der Geräte sowohl auf äußerliche, ästhetische Aspekte (Farbe, Gehäusematerial, Formfaktor) als auch auf technische Konfigurierung (Speichergröße, Displayauflösung, Kameraqualität) beziehen.

Modulare Smartphones

Auch wenn der Großteil der Smartphones immer noch nicht modular ist, gibt es bereits einige Hersteller, die auf modulares Produktdesign setzen. Dazu gehören das Fairphone und das SHIFTPHONE . Das Fairphone 2 von dem Niederländischen Unternehmen war 2016 das erste Handy dieser Art auf den Markt. Seit September 2019 folgte ein neues modulares Smartphone, das Fairphone3. Die deutsche Shift GmbH brachte 2018 das modulare Smartphone Shift6m auf den Markt, welches nach eigenen Aussagen das modularste Smartphone der Welt ist. Seit 2020 gibt es nun auch noch zwei weitere modulare Smartphones: Shift6mq und das Shiftmu.

Aber: Modularität kann in Einzelfällen auch zu kürzeren Nutzungsdauern führen

Doch Modularität ist dabei nicht ohne Risiko. Eine sehr spezifische Anpassung an individuelle Bedürfnisse kann die Weitergabemöglichkeit an Zweitnutzer*innen reduzieren. Zudem kann es Firmen vor große Schwierigkeiten stellen, zeitnah und langfristig Software Updates bereitzustellen, wenn eine große Fülle unterschiedlicher Konfigurationen existiert. Wenn sich einzelne Module, wie eine Kamera, leicht upgraden lassen, können sich Ersatzzyklen einzelner Module sogar gegenüber nicht-modularen Geräten beschleunigen, so dass die reale Nutzungsdauer der einzelnen Modulare sogar abnimmt. Zudem kann die technische Lebensdauer durch eine modulare Bauweise reduziert sein, wenn Zielkonflikte gegenüber anderen Haltbarkeitsaspekten bestehen. Beispiele hierfür kann eine Abwägung zwischen Wasserdichtigkeit durch verklebte Gehäuse versus eine leichte Reparierbarkeit durch zu öffnende Gehäuse sein.

Abwägen der persönlichen Nutzungswünsche: Der Fall fest verklebter Handyakkus

Ein anderes Beispiel sind fest verklebte Akkus in mobilen Endgeräten: Akkus als klassische Verschleißteile verlieren mit der Nutzung an Kapazität. Dies korreliert stark mit der Anzahl von Ladezyklen. Im Normalfall sollte der Akku daher auswechselbar sein, damit er nicht zum lebensdauerbegrenzenden Bauteil wird. Andererseits erlauben festverbaute Akkus das Weglassen des stabilen Akkugehäuses. Sie werden als sogenannte "Pouchzellen" verbaut, was einen Platzgewinn und damit mehr Batteriekapazität bei gleicher Baugröße bedeutet. Mehr Kapazität bedeutet wiederum, das seltener geladen werden muss – also ein langsameres Verschleißen. Hier ist ein Abwägen der eigenen Nutzung und der erwarteten Nutzungsdauer notwendig.

Faustregel: Module mit hoher Umweltlast sollten lange in Nutzung gehalten werden

Neben der reinen Betrachtung der Nutzungsdauer und sich der daraus ergebenen Vor- und Nachteile durch Modularität, sollte aus Umweltsicht auch betrachtet werden, welche Module welche Umweltlast erzeugen und wie sich deren spezifische Lebensdauer ändert. Als Faustregel sollten die Module mit hoher Umweltlast lange in Nutzung gehalten werden. Dies kann auch mit einem schnelleren Ersatz weniger kritischer Module „erkauft“ werden. Am Beispiel des Smartphones zeigen Ökobilanzen , dass die Hauptumweltlast vom Mainboard und den Komponenten Arbeits- und Hauptspeicher und Prozessor verursacht wird [1] . Aus Umweltsicht machen daher die Reparatur eines Displays, das Upgrade einer Kamera und der Wechsel des Akkus Sinn, wenn sie helfen das Mainboard länger in der Nutzung zu halten. Ein schneller Wechsel des Mainboards hin zu mehr Speicher und schnellerem Prozessor im gleichen Gehäuse ist im Gegensatz aus Umweltsicht nicht vorteilhaft, auch wenn es die Lebensdauer des Gesamtproduktes verlängert.

Der Umweltvorteil von modularen Produkten hängt davon ab ob Nutzer*innen das Potential des Austauschs & Reparatur nutzen

Des Weiteren kann die modulare Bauweise durch mehr und anders designte Schnittstellen einen höheren initialen Materialaufwand haben, der sich nur rentiert, wenn die Nutzungsdauer tatsächlich länger wird – also die theoretische Reparaturfähigkeit im Schadensfall auch tatsächlich zur Reparatur führt.

Ob und wie Modularität zu einer längeren Produktnutzungsdauer führt und Umwelteffekte reduziert, hängt nicht nur vom technischen Design ab, sondern auch wie Konsument*innen diese Potentiale nutzen.

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Literatur/Quellen

[1] Marina Proske, David Sánchez, Christian Clemm, Sarah-Jane Baur: Life Cycle Assessment of the Fairphone 3, Berlin, 2020

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