Hintergrund

Wie entsteht Obsoleszenz?

Um das Phänomen der kurzen Lebens- und Nutzungsdauer von Geräten besser einordnen zu können, hilft es Obsoleszenz als Prozess zu verstehen. So gibt es verschiedene Stationen in dem Leben eines Produktes , an denen über die Kurz- oder Langlebigkeit entschieden wird. Sei es durch das Design eines Produktes , die Art und Weise, wie das Produkt hergestellt und vermarktet wird oder das Handeln der Nutzer*innen. In der Forschung wird oft versucht, zwischen verschiedenen Typen von Obsoleszenz klar zu unterscheiden. Wir haben festgestellt, dass die Gründe für die verkürzte Lebensdauer aus dem Zusammenspiel verschiedener Faktoren entlang der Produktbiographie entstehen.

Mensch mit Lupe in der Hand
Photo by Marten Newhall on Unsplash

In der folgenden Präsentation wird erläutert, wie Obsoleszenz besser verstanden werden kann, wenn eine systemische Perspektive eingenommen wird.

Obsoleszenz besser verstehen

Von Obsoleszenzformen zu Obsoleszenzbedingungen

In der Literatur findet man eine (nicht einheitliche) Unterteilung der verschiedenen Formen von Obsoleszenz. So wird beispielsweise oft zwischen werkstofflicher, funktionaler, ökonomischer und psychologischer Obsoleszenz unterschieden. Mit diesen Einteilungen werden dann auch konkrete Ursachen der Obsoleszenz verbunden: Bei werkstofflicher Obsoleszenz ist das Gerät schlecht gebaut und geht zu früh kaputt, bei ökonomischer Obsoleszenz sind Neugeräte billiger als eine Reparatur, bei psychologischer Obsoleszenz will der Mensch immer wieder was Neues.

Wir haben in unserer Forschung festgestellt, dass eine eindeutige Einteilung von Obsoleszenzformen wenig sinnvoll ist. Denn zum einen sind die verschiedenen Aspekte nicht unabhängig voneinander und es ist mitunter schwer zu beantworten, wo die genaue Ursache liegt. Zum anderen werden größere Zusammenhänge ausgeblendet. Ökonomische oder funktionale Obsoleszenz haben etwas mit Marktstrukturen zu tun, die sich über lange Zeit hinweg entwickelt haben. Darüber hinaus ist der Wunsch nach etwas Neuem eher ein Teil übergeordneter kultureller Vorstellungen in einer Gesellschaft und nicht eine Eigenschaft einzelner Menschen. 

Wir halten eine systemische und prozessorientierte Perspektive für zielführender. Wir knüpfen zwar an bisherige Forschungen zur Obsoleszenz und ihre Begriffe an, unterscheiden jedoch nicht verschiedene Formen von Obsoleszenz. Wir untersuchen sie vielmehr als Bedingungen, die im Laufe der Produktbiographie wirksam werden können.

  • Materielle und werkstoffliche Bedingungen beziehen sich auf die Materialien und Komponenten eines Produkts, deren Robustheit, Zuverlässigkeit und Reparierbarkeit.
  • Funktionale Bedingungen umfassen die sich (zum Teil sehr schnell) ändernden technischen und funktionalen Anforderungen an Produkte. Diese sind zum einen von technologischen Entwicklungen beeinflusst, zum anderen aber auch von den Funktionserwartungen der Nutzenden, die mit der Zeit anspruchsvoller werden können.
  • Ökonomische Bedingungen beziehen sich auf die Veränderungen von Preisen für Verbrauchsmaterial, Wartung und Reparatur, sowie
    die Kosten für neue Produkte.
  • Symbolische Bedingungen beziehen sich auf die Erwartungen, sozialen Bedeutungen und kulturellen Werte einer Gesellschaft im Hinblick auf Konsumgegenstände und Technologie. Diese drücken sich unter anderem in Moden oder sich verändernden Lebensstilen aus.
  • Wissensbasierte Bedingungen umfassen das (oft begrenzte) praktische Wissen darüber, wie ein Produkt zu gestalten oder zu verwenden/zu warten/zu pflegen oder zu reparieren ist.

Bei der Untersuchung von Obsoleszenz muss darüber hinaus das Wechselspiel von Produktion, Konsum und dem Produkt selbst in einer systemischen Perspektive betrachtet werden.

Eine systemische Perspektive

Um zu verstehen, wie es zu verkürzten Nutzungs- und Lebensdauern von Konsumgütern kommt, müssen die vielfältigen Zusammenhänge zwischen (1) Produktions- und Wirtschaftspraktiken , (2) Produkt(design) und (3) Formen der Nutzung und des Konsums von Produkten berücksichtigt werden.

(1) Produktions- und Wirtschaftspraktiken umfasst alles, was mit der Herstellung, Vermarktung und Entsorgung von Konsumgütern zu tun hat. Dabei geht es nicht nur um eine Beschreibung, wie beispielsweise Smartphones in globalen Lieferketten hergestellt und vertrieben werden, sondern auch darum zu verstehen, warum es jedes Jahr neue Modelle geben muss, welche Rolle Langlebigkeit beim Produktdesign spielt oder Smartphones immer schlechter reparierbar sind. Wichtig ist dabei auch, wie Produkte zu den Nutzer*innen kommen und welche Rolle dabei das Marketing spielt oder Geschäftsmodelle, die vor allem vom Verkauf von Geräten leben.

(2) Das Produkt und sein Design: Das Design definiert die wesentlichen Eigenschaften eines Produkts und beeinflusst die Lebensdauer auf vielfältige Weise. Wichtig sind zum Beispiel die Qualität und Robustheit der Materialien und Komponenten, die Reparierbarkeit und ein geringer Wartungsbedarf. Über das Design lässt sich auch eine sorgsame Nutzung motivieren, wenn die Kaffeemaschine zum Beispiel auf die nötige Entkalkung hinweist.

(3) Die Formen der Nutzung und des Konsums von Produkten umfassen nicht nur die Praktiken, für die das Gerät angeschafft wurde, wie zum Beispiel Toast bräunen mit dem Toaster, sondern auch die Pflege, Wartung und Reparatur des Geräts und die Sorgfalt in der Handhabung. Je besser und sorgsamer mit einem Gerät umgegangen wird, desto länger kann es halten. Umsicht fängt schon beim Kauf an: Wird auf Robustheit und Langlebigkeit geachtet? Oder schnell nach dem billigsten Angebot gegriffen? Zeit- und Geldverfügbarkeit spielen dabei eine Rolle, aber auch praktisches Wissen und die bisherigen Erfahrungen. Um die Rolle der Nutzungspraktiken für die Lebensdauer zu verstehen, muss der gesamte Prozess von der Anschaffung bis hin zur Entsorgung betrachtet werden.

Empfohlene Publikation

Buchcover

Obsoleszenz als Herausforderung für Nachhaltigkeit. Ursachen und Alternativen für Kurzlebigkeit in der „Wegwerfgesellschaft“

Wissenschaftler und Praktiker aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung, die sich mit dem nachhaltigen Wirtschaften beschäftigen, wissen, dass die derzeitige Form der Ressourcennutzung nicht zukunftsfähig ist. Daher geht es darum, in den kommenden Jahrzehnten einen Transformationsprozess zu einer ressourcenleichten Gesellschaft durchzuführen. Erschienen in: Jahrbuch Nachhaltige Ökonomie 2016/2017. Metropolis-Verlag für Ökonomie Gesellschaft und Politik GmbH.

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