Hintergrund

Lange Nutzungsdauer - Wunsch oder Wirklichkeit?

Die Lebens- oder Nutzungsdauer von Konsumgegenständen wird nicht immer von dessen technischen Eigenschaften begrenzt. Welchen Einfluss die materielle Kultur und Konsumpraktiken auf das Leben der Geräte haben, wie wichtig lange Haltbarkeit von Gebrauchsgegenständen im Vergleich zum neuesten technischen Stand ist und welche Rolle Reparatur von Geräten spielt, wird hier genauer beschrieben.

Sanduhr auf Steinen
Photo by Aron Visuals on Unsplash

Egal ob Geburtstag, Ostern oder Weihnachten: Smartphones und andere Technikgeräte gehören zu den beliebtesten Geschenken. Dabei ersetzt das neue Gerät oft ein noch funktionsfähiges Altes. Welchen Einfluss Konsumpraktiken auf die Lebensdauer der Geräte haben, wie wichtig lange Haltbarkeit im Vergleich zum neuesten technischen Stand ist und welche Rolle die Reparatur von Geräten spielt, haben wir in mehreren Studien erforscht. Hier berichten wir beispielhaft die Ergebnisse einer Repräsentativ-Umfrage mit 1.000 Teilnehmenden.

Nutzungsdauer

bezeichnet die tatsächliche zeitliche Dauer, die ein Gegenstand nach der Anschaffung aktiv genutzt wird. Die Länge der Nutzungsdauer hängt mit der Beanspruchung und der Häufigkeit der Nutzung zusammen, wird aber auch durch Faktoren wie die Handhabung und den Umgang mit Fehlern und Fehlfunktionen bestimmt. Die Nutzungsdauer kann vorzeitig enden, auch wenn der Gegenstand noch voll funktionstüchtig ist, aber ungenutzt gelagert wird. Die Nutzungsdauer kann somit kürzer sein als die Lebensdauer.

Lange Produktlebensdauern – ökologisch relevant und sozial erwünscht

Moderne Elektronikgeräte werden mit einem hohen Einsatz von Ressourcen und einem erheblichen Ausstoß von Emissionen hergestellt. Je länger sie leben, desto eher rechtfertigen sich diese ökologischen Kosten, desto besser ist die Ökobilanz eines Geräts. Werden Konsument*innen nach ihren Einstellungen und Absichten gefragt, gibt es Anlass zur Hoffnung für die Ökobilanz , denn Geräte möglichst lange zu nutzen ist sozial erwünscht. Im Rahmen der Studie untersuchten wir Erwartungen und Erfahrungen mit Nutzungs- und Lebensdauern bei Elektronikprodukten, insbesondere Smartphones und Waschmaschinen.

"Das Groß der Bevölkerung (67%) fühlt sich verpflichtet, Geräte möglichst lange zu nutzen, will damit einen Beitrag zur Umwelt leisten (73%) und hält Langlebigkeit von Geräten für einen wichtigen gesellschaftlichen Wert (57%)."

Die berichteten Nutzungsdauern für Geräte – bezogen auf das zuvor besessene Gerät – zeigt, dass es möglicherweise auch einen Trend in Richtung längere Nutzung geben kann. So zeigt ein Vergleich mit unserer Befragung von 2017, dass sich die Nutzungsdauern von Smartphones leicht erhöht haben. Wurde ein Smartphone in 2017 noch im Schnitt 2,3 Jahre genutzt, sind es nun 2,7 Jahre. Dennoch ist der Grund für den Neukauf in vielen Fällen nicht das kaputte Altgerät:

"67% kaufen ein neues Smartphone und 35% eine neue Waschmaschine, obwohl das alte Gerät noch funktioniert."

Die Gründe dafür sind vielfältig, ein Vergleich der Geräte macht deutlich: Vor allem bei Smartphones gibt es einen starken Wunsch, up to date zu sein und die Verlockung neuer Angebote.

Newism & materielle Kultur – Der Glaube, das Neue ist besser als das Alte

Als „Newism“ wird der Glaube daran bezeichnet, dass das Neue besser ist als das Alte. Das Neue wird als begehrenswert betrachtet, es gilt als sozial anerkannt und vermittelt positive Gefühle. Den Wunsch nach etwas Neuem und die hohe Bedeutung von Neuartigkeit wertet den Neukauf gegenüber der Weiternutzung auf.

Insbesondere bei Smartphones werden mit Neugeräten auch technologische Weiterentwicklungen verbunden. Die Mehrheit der Befragten (54%) hat sich ein neues Smartphone gekauft, weil neue Modelle leistungsfähiger sind. Aber ein Neugerät bereitet vielen auch einfach Freude (48%), ein Drittel lässt sich von neuen Modelle locken und nicht zuletzt hat auf ein Fünftel auch der Freundeskreis eine Wirkung. „In der materiellen Kultur unserer Gesellschaft hat Neuheit einen hohen Wert“, erläutert Prof. Melanie Jaeger-Erben, die Leiterin der Forschungsgruppe. „Viele halten den rasanten Technologiewandel für unvermeidlich und durch die neuesten Geräte können Menschen zeigen, dass sie mithalten können. Diese Orientierung wird durch strukturelle Erleichterungen für den Neukauf und Hemmnisse für die Verlängerung der Nutzung verstärkt.“

Die normative Kraft der Strukturen

Der Kontext der Handlung oder die strukturellen Bedingungen können einen großen Einfluss entfalten: Welche Handlungsweisen werden erleichtert, welche erschwert? In welche Richtung wird „gestupst“? Ein neues Smartphone ist beispielsweise bei 37% als Teil eines Vertrags mit dem Netzbetreiber zur Verfügung gestellt worden, ein Drittel hat sich durch ein günstiges Angebot zum Neukauf motivieren lassen. Wenn etwas unerwartet kaputtgeht, ist es bei einer Reihe unterschiedlicher Geräte für die meisten Menschen normal und das Einfachste, sich direkt ein neues Gerät zu kaufen. Nur bei einigen Geräten, wie der Waschmaschine oder dem Fernseher prüft immerhin ein Drittel die Option einer Reparatur, nur die wenigsten versuchen erst mal, ohne das Gerät auszukommen.

"Die geringe Reparaturrate kann auch damit zusammenhängen, dass nur 40% der Befragten angeben, dass sie einen Reparaturanbieter in der Nähe haben. Ein Neugerät ist dank Online-Handeln hingegen immer und jederzeit verfügbar."

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit – Die eigenen Einflussmöglichkeiten auf nachhaltige Nutzungsdauern

Geräte lange zu behalten und zu nutzen, kann als soziale Norm bezeichnet werden. Fast drei Viertel der Befragten gibt zudem an, dass bereits ihr Elternhaus sie gelehrt hat, Geräte lange zu nutzen. Ein Vergleich der verschiedenen Altersstufen zeigt jedoch, dass der Einfluss dieser Norm möglicherweise nachlässt: Während über 60-jährige hier noch zu 84% zustimmen, sind es bei den 18- bis 29-Jährigen nur die Hälfte der Befragten. 28% der Befragten zwischen 18 und 29 bekommt diesen Wert nur teilweise vermittelt, 24% gar nicht. Auch das Wissen über die Wartung und Reparatur von Geräten wurde eher in den Elternhäusern der älteren Generationen vermittelt. So kann es dazu kommen, dass im Mittel nur ein Drittel angibt, gut zu wissen, wie das eigene Smartphone und die Waschmaschine so gepflegt und gewartet werden können, damit sie länger halten. Auch weitere Einflussmöglichkeiten, wie selbst ein Gerät zu reparieren oder über Reviews oder Chat-Foren im Internet seine Bedürfnisse an ein Gerät zu formulieren, machen nur die wenigsten Befragten.

Unser Fazit ist: Um einen nachhaltigeren Konsum von Elektronikgeräten zu fördern, braucht es keine Appelle an das Gewissen oder Verantwortungsgefühl. Vielmehr gilt es, die Handlungskosten für längere Nutzungsdauern zu verringern. Die Erleichterung von Reparatur sowie bessere und praktischere Möglichkeiten der Pflege und Wartung sind zwei Möglichkeiten unter vielen, Hemmnisse abzubauen und die Wertschätzung des Gebrauchten zu erleichtern. Wichtig ist es, das Wissen über Langlebigkeit zu fördern. Gleichzeitig sollte stärker beachtet werden, wie in der Gesellschaft über Produkte diskutiert wird , weil dies die Vorstellungen von Lebensdauern beeinflusst.

Die komplette Studie (2021)

Nutzungsdauern elektronischer Geräte zwischen Anspruch und Wirklichkeit - Ergebnisse einer Repräsentativerhebung zu lebensdauerrelevanten sozialen Praktiken von Nutzer*innen in Deutschland

Die vorliegende Repräsentativerhebung bietet Daten für den Raum Deutschland zu den Themen Nutzungsdauer, Geräteausstattung, sowie Wahrnehmungen und Praktiken zum Umgang mit Smartphones und Waschmaschinen über die Phasen der Produktnutzung hinweg. Diese sollen zum einen den Status Quo zeigen, sind für die Arbeit der Forschungsgruppe aber auch im Kontext der Forschung für Nachhaltigkeit interessant. Daher lassen sich die Daten auch vor dem Hintergrund einer normativen Nachhaltigkeitsperspektive betrachten: Welche Potentiale für nachhaltigen Konsum im Sinne langer Nutzungs- und Lebensdauern liegen vor, welche Veränderungsbedarfe oder –potentiale finden sich vor diesem Hintergrund? Im Fazit sollen einige Schlaglichter auf diese Fragen geworfen werden.

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