Hintergrund

Wieso ist kurzlebige Technik ein Problem für die Umwelt und Menschen?

Ob Smartphone, Kaffeemaschine oder Fernseher: unser Leben beinhaltet immer mehr Technik. Die Kehrseite der ansteigenden Elektronikproduktion sind jedoch nicht nur die zunehmenden Mengen an Elektroschrott, sondern auch die zahlreichen negativen Auswirkungen auf das Klima, die Umwelt und Menschen, die während des gesamten Lebenswegs eines Technikproduktes entstehen.

Elektroschrott
Photo by John Cameron on Unsplash

Produziert für die Tonne? Der (zu) hohe Ressourcenverbrauch von kurzlebiger Technik

In Deutschland wurden 2018 rund 2,4 Millionen Tonnen Elektronik verkauft. Im selben Jahr wurden jedoch nur 43% aller Technikprodukte ins Recycling oder andere Wiederverwertungsprozesse zurückgeführt [1] . Der Rest wird ungenutzt gelagert, landet im Hausmüll oder - auf illegalen oder halblegalen Wegen - im Ausland. Durch die kurze Nutzungs- und Lebensdauer von Technik, Hürden bei der Reparierbarkeit oder den Wunsch nach dem neuesten Gerät wird immer mehr Technik nachgekauft und immer mehr Altgeräte landen im Müll. Dieser lineare Prozess des „Herstellen-Nutzen-Entsorgens" (im Englischen „take-make-dispose“) führt dazu, dass immer mehr natürliche Ressourcen (auch Primärrohstoffe genannt) verbraucht werden, ohne in weitere Kreisläufe zurückgeführt zu werden.

Abbildung 1: Sozial-ökologische Schäden die während des gesamten Lebenszyklus eines Smartphones entstehen. Die Länge der Nutzungsphase bestimmt dabei wesentlich die Gesamtbilanz eines Produktes (eigene Abbildung).

Die Anzahl natürlicher Ressourcen auf der Erde ist begrenzt und ihr Verbrauch - wie zum Beispiel das Verbrennen fossiler Energieträger - hat schädliche Klimaauswirkungen. Daher sollten Rohstoffe zum einen möglichst effizient gebraucht werden, indem beispielsweise ein Gerät so lange wie möglich genutzt wird. Zum anderen sollten sie möglichst suffizient genutzt werden, das heißt, nur so viel nutzen, wie tatsächlich gebraucht wird.  Zusätzlich kann der Gesamtressourcenverbrauch durch den Einsatz von Sekundärrohstoffen (also recycelten Materialien) in der Produktion von Technikgeräten reduziert werden.

 

Schädliche Auswirkungen auf Klima und Umwelt

Während des gesamten Lebenszyklus eines Technikproduktes (Design, Rohstoffabbau, Herstellung, Verkauf, Nutzung, Entsorgung) führen vor allem der hohe Energie- und Ressourcenaufwand zu schädlichen Auswirkungen auf das Klima und die Umwelt. Durch den hohen Energieverbrauch besonders in der Herstellung, entstehen Treibhausgase, die den Klimawandel vorantreiben. Laut einer aktuellen Studie, die im Auftrag der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) durchgeführt wurde, hätten allein langlebigere Fernseher, Smartphones, Waschmaschinen und Notebooks in Deutschland ein Einsparpotential von 3,93 Millionen Tonnen CO2 jährlich [5] . Das entspricht dem Ausstoß von 1,85 Millionen Autos.

Abbildung 2: Großes jährliches Einsparpotential bei längerer Nutzungszeit | Infografik des vzbv | November 2020 (Bildquelle [5] ).

Komplexe Lieferketten und intransparente Herstellungsbedingungen

Wie viele unterschiedliche Bestandteile stecken eigentlich in einem Elektronikprodukt? Moderne Elektronikgeräte enthalten bis zu 60 verschiedene chemische Elemente, darunter 30 Metalle. Allein in einem Smartphone sind etliche Metalle verbaut, wie z.B. Kupfer, Nickel, Zink, Tantal oder Gold. Die globalen Lieferketten von Elektronikgeräten sind extrem komplex. Das Beispiel eines Handys zeigt: Die Bestandteile wie Metalle, Plastik oder Lötzinn werden über den Globus zu Vorproduzenten geschickt, die Leiterplatte, Akku und Gehäuse herstellen. Die Materialien kommen aus der ganzen Welt und haben weite Lieferwege hinter sich, bevor sie von uns das erste Mal genutzt werden. Während laut Studien des Projektes makeITfair die meisten Unternehmen ihre Lieferketten nicht offenlegen, zeigt das Beispiel einer einfachen Computermaus wie kompliziert es aussieht, wenn man alle Zulieferketten transparent macht. Die NagerIt [7] hat die Produktions- und Lieferkette ihrer „fairsten Computermaus der Welt” mit Name und Standort der Zulieferer auf der Webseite offengelegt:

Abbildung 3: Transparente Lieferkette der bislang fairsten Computermaus (Bildquelle [7] ).

Wie auf dieser Grafik zu sehen, stecken allein in einer Computermaus zahlreiche Rohstoffe wie Erdöl, Aluminium und Kupfer. Besonders bei der Gewinnung von Edel- und Sondermetallen (z.B. Gold, Zinn oder Kobalt) kommt es zu erheblichen negativen ökologischen und sozialen Auswirkungen. So sind nahe der Kobaltminen die Böden und das Wasser oft verseucht, was den dort lebenden Bäuer*innen ihre Lebensgrundlage nimmt. Auch Menschen, die im Umfeld der Metallminen wohnen, leiden oft an Lungenkrankheiten, hervorgerufen durch die Luftverschmutzung [8] . Welche Lebenszyklusphase (z.B. Produktion oder Nutzung) die größten Umweltauswirkung hat, variiert je nach Produkttyp. Eine genaue Berechnung der Umweltauswirkungen lässt sich mit einer Ökobilanz erstellen.

Ausbeutung von Arbeiter*innen

Die globale Elektronikindustrie hat sich in den letzten Jahren zu einem der größten Wirtschafszweige weltweit entwickelt, in der geschätzte 18 Millionen Menschen arbeiten [6] . Die Elektronikindustrie generiert mehr Umsätze als jede andere produzierende Branche. Dies beruht jedoch unter anderem auf sehr niedrigen Lohnkosten. Arbeiter*innen in der Elektronikbranche sind oft schwierigen Arbeitsbedingungen ausgesetzt: Niedrige Löhne, prekäre Anstellungsverhältnisse, übermäßig lange Arbeitszeiten und ungesunde Arbeitsumgebungen [6] .

Laut Berichten der Organisation Electronics Watch , sind Arbeiter*innen in der Elektronikbranche häufig mit nicht adäquater Schutzkleidung ausgestattet und müssen in unsicheren Arbeitsumgebungen die Elektronikgeräte herstellen [6] . Sie arbeiten mit Chemikalien, die explosiv, giftig oder ätzend sind, und Haut, Atemapparat, Reproduktionssystem und das zentrale Nervensystem schädigen können. Viele Arbeiter*innen leiden an Atemwegserkrankungen und Allergien. Der Zugang zu Gewerkschaften oder betrieblichen Ausschüssen für Arbeits- und Gesundheitsschutz ist oft nicht gegeben.

Dies gilt nicht nur für die Arbeiter*innen in den verarbeitenden Betrieben, sondern auch für den Abbau der Rohstoffe. In dem folgenden Video von Südwind beschreiben betroffene Menschen in Bolivien die Arbeits- und Umweltbedingungen unter denen Rohstoffe für unsere digitalen Endgeräte abgebaut werden:

Der Zusammenhang von Obsoleszenz und prekären Arbeitsbedingungen

Die schnelle Taktung von Trends und Innovationen in der Elektronikindustrie führt zu Eilaufträgen, bei denen das Übertragen der Risiken auf Zulieferer und Kostensenkungsmaßnahmen Teil des Geschäftsmodells sind. Das führt jedoch zu prekären Arbeitsverhältnissen, wie befristeter Arbeit, Teilzeit und Leiharbeit. Auch unregelmäßige Arbeitszeiten, der Mangel an Jobsicherheit und sozialer Absicherung sowie fehlender Arbeits- und Gesundheitsschutz hängen damit zusammen [6] . Das schnelle und eintönige Arbeitstempo am Fließband, die monotone Natur der Arbeit und der wechselnde Schichtdienst führen laut einer Studie von Electronics Watch und dem Economic Rights Institute zu negativen psychosozialen Folgen [9] . Auch die hohe Selbstmordrate von Arbeiter*innen wird mit diesen belastenden Arbeitsbedingungen in Verbindung gesetzt.

Die Berichte von Electronics Watch verdeutlichen außerdem die Gefahr von Zwangsarbeit in der Elektronikindustrie, u.a. in China, Malaysia, den Philippinen und der Demokratischen Republik Kongo. Oft wird diese Gefahr mit Wanderarbeiter*innen assoziiert, die auf der Suche nach Arbeit hohe Schulden in Kauf nehmen, und daraufhin Opfer von Schuldknechtschaft werden können. Ihnen können Pässe und Arbeitspapiere vorenthalten werden oder sie können gegen ihren Willen in einem Arbeitsverhältnis gehalten werden. Zwangsarbeit wurde auch bei der Gewinnung von Zinn, Wolfram und Gold in der Demokratischen Republik Kongo festgestellt [6] .

Das Problem Elektroschrott

Der jährliche "Global E-Waste Monitor 2020 " hat festgestellt, dass seit 2014 die Menge an weltweitem Elektroschrott (E-Waste) um 21 Prozent zugelegt hat. Damit ist Elektroschrott die am schnellsten wachsende Abfallkategorie im Bereich des häuslichen Mülls [2] . Allein im Jahr 2019 kamen weltweit 53,6 Millionen Tonnen Elektroschrott zusammen. Trotz besserer Recyclingquoten ist Deutschland in dieser Statistik ganz vorne mit dabei: Knapp 20 Kilogramm Elektroschrott pro Kopf entstehen in Deutschland pro Jahr. Auf ähnlichem pro Kopf Niveau sind die USA, Japan und Frankreich, während der weltweite Durchschnitt mit 7,3 Kilogramm E-Waste pro Kopf weit darunter liegt.

Abbilung 4: Darstellung der 10 Länder mit dem größten Elektroschrottaufkommen in 2019. Quelle: The global E-Waste Monitor 2020 (Bildquelle [10] ).

Ein großes Problem des Elektroschrotts ist, dass nur ein Bruchteil davon recycelt bzw. zunächst erstmal wieder eingesammelt wird. Seit 2016 muss in Deutschland laut Elektro- und Elektronikgerätegesetz (ElektroG) eine Mindestsammelquote von 45 % der Masse an Elektroaltgeräten, die in den drei Vorjahren im Durchschnitt in Verkehr gebracht wurden, erreicht werden. Im Jahr 2018 wurde sie mit 43,11 % knapp verfehlt (siehe Abb. 5) [1] . Ab 2019 gilt eine Mindestsammelquote von 65 %.

Abbildung 5: In Verkehr gebrachte Mengen, Sammelmengen und -quoten bei Elektroaltgeräten (Bildquelle [1] ).

Bei den vielfältigen negativen Auswirkungen von kurzlebiger Technik - von der Produktion bis hin zum Elektroschrott - wird deutlich: nicht nur müssen die Sammel- und Recyclingquoten von Elektronikgeräten steigen, sondern vor allem muss die Gesamtmenge an Elektronikschrott langfristig reduziert werden.

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Literatur/Quellen

[1] UBA: Elektro- und Elektronikaltgeräte https://www.umweltbundesamt.de/daten/ressourcen-abfall/verwertung-entsorgung-ausgewaehlter-abfallarten/elektro-elektronikaltgeraete#wo-steht-deutschland

[2] E-Waste Monitor Bericht 2020, http://ewastemonitor.info/

[3] Bayrischer Rundfunk (02.07.2020): Globaler E-Waste-Monitor 2020: Viel mehr Elektroschrott weltweit, https://www.br.de/nachrichten/wissen/globaler-e-waste-monitor-2020-viel-mehr-elektroschrott-weltweit,S3ZvJab

[4] UBA: Elektroaltgeräte https://www.umweltbundesamt.de/themen/abfall-ressourcen/produktverantwortung-in-der-abfallwirtschaft/elektroaltgeraete#vermeidung-und-lange-nutzung-bieten-die-grossten-ressourcenschutzpotenziale-

[5] Verbraucherzentrale Bundesverband (2020). Studie zu Langlebigkeit von Produkten: Qualität zahlt sich aus. Ökonomische und ökologische Auswirkungen einer Verlängerung der Nutzungsdauer von elektrischen und elektronischen Geräten | Studie im Auftrag des vzbv | 24. November 2020 https://www.vzbv.de/pressemitteilungen/studie-zu-langlebigkeit-von-produkten-qualitaet-zahlt-sich-aus

[6] Electronics Watch. Arbeitsbedingungen in der Elektronikbranche, https://electronicswatch.org/de/arbeitsbedingungen_2548644

[7] NagerIt. Lieferkette der NagerIT https://www.nager-it.de/static/pdf/lieferkette.pdf

[8] Verbraucherzentrale NRW: Rohstoffabbau schadet Umwelt und Menschen. https://www.verbraucherzentrale.nrw/wissen/umwelt-haushalt/nachhaltigkeit/rohstoffabbau-schadet-umwelt-und-menschen-11537

[9] Economic Rights Institute and Electronics Watch (2018): The Link Between Employment Conditions and Suicide: A Study of the Electronics Sector in China. https://goodelectronics.org/study-shows-link-between-working-conditions-and-employee-suicide-in-the-chinese-electornics-sector/

[10] Statista: die zehn Länder mit dem grössten Elektroschrottaufkommen. https://de.statista.com/infografik/12272/die-zehn-laender-mit-dem-groessen-elektroschrott-aufkommen/

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