Lang lebe Technik? Hoch lebe Reparatur! Eine erste Auswertung unserer #LangLebeTechnik-Aktion

Anstatt guter Vorsätze für das neue Jahr gibt es von uns zum Jahresstart nun eine erste Auswertung der im Rahmen unserer #LangLebeTechnik-Aktionswochen gesammelten Beiträge. Über 140 Geschichten und Bilder langlebiger Geräte wurden in den vergangenen sieben Wochen gesammelt. Von Tonbandgeräten, Taschenrechnern, Snoopy-Föhn bis hin zu zahlreichen Küchengeräten ist alles dabei. Mit so einer Vielzahl und Diversität von alten und funktionalen Elektrogeräten (sogar ein 90 Jahre alter Tischventilator ist dabei – wow!) hatten wir nicht gerechnet und sind hellauf begeistert! Doch welche Schlüsse lassen sich aus all diesen Einträgen, Geschichten und Bildern ziehen? Welche Ähnlichkeiten und Unterschiede haben wir festgestellt und wo gab es Überraschungen?

In vielen Einträgen werden sehr persönliche Geschichten über die Beziehung zwischen Menschen und Technik beschrieben (dazu in einem späteren Artikel mehr). Was dabei sofort ins Auge springt: Vielfach geht es um Erfahrungen mit der Reparatur. Damit meinen wir nicht nur das einmalige Austauschen von defekten Teilen, sondern Reparieren als konstante Arbeit am Gerät, wozu auch das Reinigen, Warten, Aufmotzen und Upgraden von Elektrogeräten gehört. Diese Tätigkeiten bereichern viele der veröffentlichten Geschichten. Dies zeigt ein sehr spannendes Bild: Wer sein*ihr Gerät lange nutzt, scheint sich häufig intensiv mit seiner Materialität auseinandergesetzt zu haben. Ob defekte Teile ausgetauscht werden, Gehäuse aufgeschraubt werden, Fehler gesucht werden, eingefressener Schmutz oder Kalk entfernt wird – wer das Gerät schon länger nutzt, scheint eine solche Auseinandersetzung nicht zu scheuen.

Reparieren – von Schaltplänen, Sekundenkleber und Upgrades

Wenn wir uns durch die Reparatur-Geschichten lesen, entsteht schnell der Eindruck, dass viele Einträge von Elektronik-Expert*innen verfasst sein müssen. So wird von Transistoren, Dioden, Schaltplänen, Schrumpfschläuchen und vielen anderen Fachwörtern gesprochen – Begriffe, bei denen so manch ein*e Laie*in schnell aussteigt. Doch wenn wir uns anschauen, was und wie genau repariert wurde, so wird das Reparatur-Bild breiter. Denn Reparatur ist nicht gleich Reparatur.

Auf den ersten Blick lassen sich grob fünf Kategorien unterscheiden:

Reparieren ist mehr als Reparatur

Die simple Aufteilung zeigt, wie vielseitig Reparaturen im Alltag sein können. Der Begriff „Reparatur“ geht hierbei viel weiter als das klassische Verständnis von Reparatur (laut Duden: „Arbeit, die ausgeführt wird, um etwas zu reparieren“). Reparatur kann auf Basis dieser Geschichten viel eher als eine Auseinandersetzung mit der Materialität und Funktionalität eines Geräts verstanden werden, um es an aktuelle und zukünftige Anforderungen anzupassen, bzw. passend zu halten. Es ist keine einmalige Aktion, sondern eine konstante Arbeit an und mit dem Gerät. Reparieren kann fast schon routiniert im Alltag erfolgen, aber auch zu einem größeren Projekt werden, in dem kreativ experimentiert wird. Passiert diese Auseinandersetzung nicht (z. B. der Austausch des Akkus oder das Upgrade mit mehr Arbeitsspeicher), so würde sehr wahrscheinlich eine Abwertung und ggf. ein Austausch des Geräts folgen. Für die Geräte bedeutet Reparatur also konkret eine lebensverlängernde Maßnahme. Aber was bedeutet die Reparatur für die Menschen?

Wahrnehmung von Reparatur

Während es für manche wie das natürlichste der Welt erscheint, den Schaltplan zu lesen und eine Diode auszuwechseln, beschreiben andere Nutzer*innen Reparaturen als etwas Herausforderndes, manchmal auch Überforderndes. Als Hilfe werden YouTube-Videos und andere Austauschforen genannt, oder um Rat im Verwandten- und Freundeskreis gefragt. So manche*r schreibt auch (erleichtert), dass das Gerät plötzlich aus Geisterhand wieder funktioniert.

Reparatur wird also von Menschen unterschiedlich wahrgenommen. Für die einen bedeutet Reparatur eine scheinbar spannende Aufgabe, für den anderen Spaß, für die nächsten Stress und für viele eine wirtschaftliche Abwägung. Ein Nutzer vergleicht die Reparatur seines Kühlschranks mit einer OP, bei dem schon mal ein Bypass verlegt werden muss. Ein anderer wiederum beschreibt die Fehlersuche wie eine spannende Detektiv-Geschichte:

„Zum Glück konnte ich noch einen Bestückungsplan und einen Schaltplan besorgen. Es wurden alle Dioden und Transistoren ausgelötet und gemessen. Dann ging es auf die Suche nach Ersatzteilen (die es natürlich nicht gab, es handelte sich um sogenannte „Japan Transistoren“). Man vergleicht dann die Bauteile mit technisch sehr ähnlichen Ersatztypen. Nachdem alles wieder eingelötet war, kam der erste Funktionstest und die Ernüchterung: Die Verstärkung funktionierte nicht. Woran konnte das liegen? Ich hatte doch alles nach Schaltplan wieder zusammengefügt. Es sollte noch einige Zeit dauern (da mir niemand helfen konnte) bis ich den Fehler dann gefunden hatte: Ein Transistorpärchen war im originalen Schaltplan spiegelverkehrt eingezeichnet.“

Liegt Langlebigkeit also allein in den Händen der Nutzer*innen?

Bei all der Fokussierung auf das Reparieren, drängt sich eine Frage auf: Ist der Schlüssel zu langlebigen Produkten also die Reparaturfähigkeit der Nutzer*innen? Oder anders gefragt: Liegt die Verantwortung für Langlebigkeit doch allein in ihren Händen und kann Langlebigkeit vor allem über die Verbesserung von Reparaturkompetenzen gefördert werden?

So einfach ist es natürlich nicht. Erstens enthalten unsere Einträge auch Geschichten von Elektronikgeräten, die – ganz ohne Reparatur – lange halten (worüber die Nutzer*innen auch sehr glücklich sind). Zweitens zeigen die genannten Fälle, dass Reparatur in vielen Fällen einfach(er) möglich ist (wenn z. B. ein Schaltplan vorhanden ist und das Gehäuse aufschraubbar ist) und in anderen Fällen unmöglich ist (z. B., wenn keine Ersatzteile mehr erhältlich sind). Reparatur ist also ein wichtiger Bestandteil langlebiger Technik. Dafür braucht es Reparaturfähigkeiten von Menschen und Werkzeuge. Wie reparaturfähig ein Produkt ist, wird jedoch während des Designprozesses entschieden, nicht während der Nutzung.

Aktuelle Initiativen für mehr Recht auf Reparatur

Der Schlüssel zu langlebiger Technik ist eher Frage des Designprozesses: Wie robust werden Bestandteile von Technik produziert, wie reparierbar (also konkret wie modular , austauschbar, etc.) sind die Geräte und wie einfach, günstig und wie lange sind Ersatzteile verfügbar? Ein Bündnis europäischer Organisationen, die sich für Reparatur einsetzen, hat dafür die Kampagne Right to Repair ins Leben gerufen. Sie fordern ein universelles Recht auf Reparatur, eingebettet in europäisches Recht und Produktionsstandards.

Was verstehen wir eigentlich unter langlebiger Technik?

Dass Reparatur inklusive Pflege und Langlebigkeit zusammenhängen, ist schon lange kein Geheimnis mehr – die #LangLebeTechnik Geschichten zeigen dies sehr deutlich. Sie regen an, weiter darüber nachzudenken, was wir eigentlich unter langlebiger Technik verstehen: Geräte, die nie kaputtgehen? Geräte, die möglichst lange funktionieren? Oder Geräte die (einfach/günstig) repariert werden können? Diese Auseinandersetzung kann hilfreich sein, um besser zu verstehen, wie langlebige Technik im Alltag praktiziert wird und was es braucht, um Langlebigkeit zu fördern.

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