Kurze Modellzyklen von Smartphones – wie schnell ist zu schnell?

Fairphone 4

Gestern wurde das Fairphone 4, das vierte modulare Smartphone der niederländischen Firma Fairphone B.V. vorgestellt, welche sich neben fairen Produktionsbedingungen auch die Langlebigkeit ihrer Geräte auf die Fahnen schreibt.

Sie haben im Jahr 2016 das weltweit erste modulare Smartphone (Fairphone 2) auf den Markt gebracht. Neben einer wechselbaren Batterie zeichnete es sich durch die leichte De- und Remontage der einzelnen Module aus, welche als Ersatzteile nachgekauft werden konnten. Es ist daher auch für Laien einfach und in kürzester Zeit zu reparieren, was die Nutzungsdauer verlängern sollte. Etwa anderthalb Jahre später brachte Fairphone ein neues Kameramodul auf den Markt, welches im bestehenden Produkt verwendet werden konnte. Dadurch war zum ersten Mal überhaupt für die Produktgruppe der Smartphones ein Upgrade der Hardware möglich. Nutzer*innen konnten ihr Fairphone 2 also nicht nur durch tauschbare Akkus und gute Reparierbarkeit länger nutzen, sondern auch die Anpassung an den Stand der Technik und mögliche neue Bedürfnisse.

2019 – 3 Jahre nach dem Fairphone 2 – wurde das Fairphone 3 vorgestellt. Ebenfalls als modulares Gerät auf einem neueren technischen Stand als der Vorgänger, und wieder gab es ein Jahr später eine Upgrademöglichkeit für die Kamera. Schon damals wurde kritisiert, ob Fairphone denn wirklich nachhaltig sein könne, wenn es doch „wie alle anderen“ mit regelmäßigen Neuvorstellungen agiere.

Nun – im Abstand von 2 Jahren – wurde mit Fairphone 4 wiederum ein neues Modell vorgestellt. Im Livechat der Produktvorstellung [1] gab es viel Lob, dennoch tauchte immer wieder die Frage auf „Warum schon wieder ein neues Produkt?“ Einige waren der Ansicht, dass das Fairphone 3 doch noch völlig ausreichend sei und nicht nach 2 Jahre bereits ersetzt werden müsse. Wäre es nicht besser, die Abstände zu verlängern? Stehen solche Neuveröffentlichungen nicht diametral dem kommunizierten Ziel von Fairphone entgegen, Geräte so lange wie möglich zu nutzen? „The most sustainable phone is the one you already own“[2] behauptet auch Fairphone und veröffentlicht das Fairphone 4 mit einer Garantie von 5 Jahren, was deutlich über dem Branchenstandard liegt[3] .

Doch die Frage nach der Nachhaltigkeit der kurzen Modellzyklen bleibt und ist berechtigt. Fairphone-CEO Eva Gouwens stellt sich dieser Frage und beschreibt, dass sie versuchen ihre Geräte deutlich länger als 5 Jahre zu unterstützen und auch weiterhin das Fairphone 3 zu supporten. Ein Upgrade vom Fairphone 3 auf Fairphone 4 ist laut Fairphone nicht das Ziel der Neueinführung. Vielmehr soll auch jenen Nutzer*innen eine lange Nutzung ermöglicht werden, die heute und nächstes Jahr ein Gerät kaufen. Wer aber nächstes Jahr ein Fairphone 3 kauft und es 5 Jahre nutzen will, benötigt von Fairphone Support von Software und Ersatzteilen von 8 oder mehr Jahren. Dies sei auf dem kurzlebigen Smartphonemarkt für Fairphone nicht zu leisten – besonders da Fairphone als sehr kleiner Hersteller auf Zulieferer und Komponenten auf dem Markt angewiesen ist, die auch für andere produziert werden.

Und auch aus Sicht der Nutzer*innen wirkt das Argument in dieselbe Richtung. Jetzt ein 2 Jahre altes Gerät zu ersetzen, nur weil ein Neues vorgestellt wurde, ist nicht nachhaltig. Aber jetzt ein älteres Modell zu kaufen, was technisch am unteren Performancerand spielt, kann ein unnötig schnelles Upgrade aus Performancegründen nötig machen, was genauso wenig nachhaltig ist.

Dieser Fall zeigt, dass neue Modelleinführungen nicht prinzipiell ein Problem sind. Gerade um eine lange Nutzungsdauer seitens der Hersteller zu ermöglichen und seitens der Nutzer*innen zu realisieren ist es bisweilen notwendig, dass neue Modelle verfügbar sind. Das neueste Modell zu kaufen ist aber selbst bei nachhaltigkeitsorientierten Anbietern nur dann eine gute Option, wenn das aktuelle Gerät sich gar nicht mehr nutzen lässt.

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